Gottfried Reichel - Der Künstler

Es wäre unangebracht, in Pobershau eine Rede über die Kunst zu halten, mich mit der Frage zu beschäftigen: Was ist Kunst, was nicht, wer entscheidet das, nach welchen Kriterien? Kunst bewährt und erweist sich nicht durch Pressekampagnen oder Fernsehrummel. Kunst entsteht in Menschenköpfen und -händen und bekommt dadurch Bedeutung und Bestand, daß Menschen damit leben. Das ist ein Prozeß.

Gottfried Reichel mag es nicht, wenn man ihn als Künstler bezeichnet oder als »Volkskünstler« (Schöpfer einer sozusagen gerade noch erträglichen Kleinkunst).
Er nennt sich Schnitzer. Und manchmal redet er sogar von seinen »Manneln«. Diese Anspielung auf Bergmänner und »Räuchermanneln« ist sein Versuch, nicht vor anderen herauszutreten, nicht hinaufgelobt zu werden über die anderen, die als »Mannelmacher« ehrlich und schwer ihr Geld verdienen. Er ist ein Meister der Untertreibung, und er weiß, daß man über sein eigenes Werk nicht spricht, weil es selber redet, weil es jähe und tiefe Freude erweckt oder Schmerz freisetzt, weil es erschüttert und mitleiden läßt, weil es - das ist die tiefste Wirkung eines Kunstwerkes - zum Schweigen bringt.

Ein Künstler ist kein aufgeblähter Mensch, gleich, ob er es selber tut oder andere für ihn. Ein Künstler arbeitet hart. 1995 hatte ich ihn gebeten, für den Kunstdienst eine »Maria mit dem Kind« zu schnitzen.