Liebe Martin-Tille-Freunde

1908 trat mein Großvater seinen Schuldienst an der Marienberger Bürgerschule als Zeichenlehrer an. Da war ihm noch nicht bewusst, dass er sich ein zweites Mal verlieben würde. - Aber nicht eine Frau, sondern das herbe Erzgebirge war es, das ihn fesselte.

Er schreibt später von sich:
„Als ich infolge meines Kriegsleidens vom Militärdienst entlassen wurde und in mein Erzgebirge zurückkehrte, das ich jahrelang entbehrt hatte, tat sich mir seine Schönheit erst recht auf, und ich trank sie in vollen Zügen. Die blauen Berge, die tiefdunklen Wälder, die blumigen Wiesen, die lichten Wolken, sie zogen mich nun hinaus mit Skizzenblock und Malkasten. Nie kehrte ich ohne „Beute“ heim, war es ein Wiesengrund von Waldkulissen umrahmt, waren es die fichtenbekrönten Basalthäupter, überwölbt von sich auftürmenden Wolken, war es eine schlichte Gebirgshütte mit grauem moosigem Schindeldach oder ein trautes Dörfchen hinter braungrasiger Wiese!

Und dann die schlichten, urwüchsigen Menschen, Nachkommen eines anspruchslosen, frommen Bergmannsgeschlechtes! Wie hat sie das Schicksal charaktervoll geprägt! Erzgebirgisches Land und seine Leute, ineinander verwurzelt, sie standen mir Modell und regten mich an zu Stift und Pinsel zu greifen.

Jede Tagesstunde, jede Jahreszeit umkleidet die Scholle mit neuen Reizen. Selbst der Winter zog mich stets mit unwiderstehlicher Gewalt hinaus in die kirchenstillen Wälder zu den traumhaft vermummten Baumgestalten, denen nur auf Schneeschuhen „beizukommen“ war. Brach die Sonne durch die Wolken und verwandelte die weiße Schneefläche in eine unglaubliche Farbsymphonie, da jagte der Stift nur so über den Skizzenblock, selbst wenn die Kälte in Ohr und Finger zwickte.

Ja, - ich singe wie der Vogel singt …“